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Goethe streift Hamborn

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Johann Wolfgang von Goethe war 1792 seinem Herzog auf einem Feldzug nach Lothringen gefolgt. Er erlebte dort die Kanonade von Valmy mit. Auf dem RĂŒckweg machte er sich selbstĂ€ndig und besucht in MĂŒnster die FĂŒrstin von Gallitzin. Den weiteren Heimweg trat er ĂŒber Paderborn und Kassel nach Weimar an. Diese Fahrt kĂŒndigte er brieflich seiner Frau bereits Mitte November folgendermaßen an: “Frankfurt ist noch in den HĂ€nden der Franzosen, der Weg durch Hessen ist noch nicht sicher. Wenn in acht Tagen nichts anders wird, gehe ich durch Westphalen. Die ĂŒblen Wege sollen mich nicht abhalten, wenn ich nur endlich einmal wieder bei Dir sein kann.” (Brief vom 14. 11. 1792)
Möglicherweise hat die Postkutsche den Frankfurter Weg benutzt. Dann ist Goethe am Stern vorbeigekommen. Wahrscheinlicher aber, daß die Postkutsche den Lichtenauer Postweg nahm, ein alter Handelsweg Richtung ThĂŒringen, dann fuhr Goethe durch den Haxtergrund. Wie auch immer, er streifte jedenfalls das Hamborner GelĂ€nde.
Die Fahrt fĂŒhrte Goethe nach Lichtenau, wo er im “HochfĂŒrstlichen Paderborner Posthaus” bei Familie Flörke nĂ€chtigte und zwar vom 12. auf den 13. Dezember. Er zahlte fĂŒr Übernachtung und Beköstigung insgesamt 16 Groschen, wie aus dem GĂ€stebuch der Familie Flörken hervorgeht.


Goethes Quartier in Lichtenau: das alte Posthaus, spĂ€ter Rissehaus genannt, das in den fĂŒnfziger Jahren des 20. Jhd. abgerissen wurde.

Goethe beschreibt diese Fahrt von MĂŒnster nach Weimar so:

“Durch Vorsorge, auf Anregung der edlen Freundin, ward ich von dem Postmeister nicht allein rasch gefördert, sondern auch durch Laufzettel weiter angemeldet und empfohlen, welches angenehm und höchst notwendig war. Denn ich hatte bei schöner, freundschaftlicher, friedlicher Unterhaltung vergessen, dass Kriegsflucht mir nachstĂŒrme; und leider fand ich unterwegs die Schar der Emigrierten, die sich immer weiter nach Deutschland hineindrĂ€ngte und gegen welche die Postillione ebenso wenig als am Rhein gĂŒnstig gesinnt waren. Gar oft kein gebahnter Weg, man fuhr bald hĂŒben bald drĂŒben, begegnete und kreuzte sich. HeidegebĂŒsch und GestrĂ€uche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor und Binsen, eins so unbequem und unerfreulich wie das andere. Auch ohne Leidenschaftlichkeit ging es nicht ab.
Ein Wagen blieb stecken, Paul sprang geschwind herab und zu Hilfe: Er glaubte, die schönen Französinnen, die er in DĂŒsseldorf in den traurigsten UmstĂ€nden wieder angetroffen, seien abermals im Fall, seines Beistandes zu bedĂŒrfen. Die Dame hatte ihren Gemahl nicht wieder gefunden und war, in dem Strudel des Unheils mit fortgerissen und geĂ€ngstigt, endlich ĂŒber den Rhein geworfen worden.
Hier aber in dieser WĂŒste erschien sie nicht: Einige alte ehrwĂŒrdige Damen forderten unsere Teilnahme. Als aber unser Postillion halten und mit seinen Pferden dem dortigen Wagen zu Hilfe kommen sollte, weigerte er sich trotzig und sagte, wir sollten nur zu unserm eignen, mit Silber und Gold genugsam beschwerten Wagen ernstlich sehen, damit wir nicht etwa stecken blieben oder umgeworfen wĂŒrden; denn ob er es gleich mit uns redlich meine, so stĂ€nd’ er doch in dieser WĂŒstenei fĂŒr nichts.
GlĂŒcklicherweise, unser Gewissen zu beschwichtigen, hatte sich eine Anzahl westfĂ€lischer Bauern um jenen Wagen versammelt und gegen ein bedungenes gutes Trinkgeld ihn wieder auf den fahrbaren Weg gebracht.
An unserm Fuhrwerk war freilich das Eisen das Schwerste, und der kostbare Schatz, den wir mit uns fĂŒhrten, so leicht, um in einer leichten Chaise nicht bemerkt zu werden. Wie lebhaft wĂŒnscht’ ich mir mein böhmisches WĂ€gelchen herbei! Gleichwohl gab mir jenes Vorurteil, welches wichtige SchĂ€tze bei uns voraussetzte, doch immer eine Art von Unruhe. Wir hatten bemerkt, dass ein Postillion dem andern die Notiz von Überschwere des Wagens und die Vermutung von Geld und Kostbarkeiten jederzeit ĂŒberlieferte. Nun aber wurden wir wegen vorausgeschickter Postzettel, deren richtige Stunde wir ohnehin des schlechten Wetters wegen nicht einhielten, auf jeder Station eilig vorwĂ€rts gedrĂ€ngt und ganz eigentlich in die Nacht hinaus gestoßen, da uns denn wirklich der bĂ€ngliche Fall begegnete, dass der Postillion in dĂŒsterer Nacht schwur, er könne das Ding nicht weiter fortbringen, und an einer einsamen Waldwohnung stillhielt, deren Lage, Bauart und Bewohner schon beim hellsten Sonnenschein hĂ€tten Schaudern erregen können. Der Tag, selbst der grauste, war dagegen erquicklich: Man reif das Andenken der Freunde hervor, bei denen man vor kurzem so trauliche Stunden zugebracht; man musterte sie mit Achtung und Liebe, belehrte sich an ihren Eigenheiten und erbaute sich an ihren VorzĂŒgen. Wie aber die Nacht wieder hereinbrach, da fĂŒhlte man sich schon wieder von allen Sorgen umstrickt in einem kummervollen Zustand. Wie dĂŒster aber auch in der letzten und schwĂ€rzesten aller NĂ€chte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Kassel hinein fuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines bĂŒrgerlich-stĂ€dtischen Zusammenseins, die WohlhĂ€bigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zu Aufnahme der Fremden. Diese Heiterkeit jedoch ward mir fĂŒr einige Zeit gestört, als ich auf dem prĂ€chtigen tageshellen Königsplatz an dem wohlbekannten Gasthof anfuhr: Der anmeldende Diener kehrte zurĂŒck mit der ErklĂ€rung, es sei kein Platz zu finden. Als ich aber nicht weichen wollte, trat ein Kellner sehr höflich an den Schlag und bat in schönen französischen Phrasen um Entschuldigung, da es nicht möglich sei, mich aufzunehmen. Ich erwiderte darauf in gutem Deutsch, wie ich mich wundern mĂŒsse, dass in einem so großen GebĂ€ude, dessen Raum ich gar wohl kenne, einem fremden in der Nacht die Aufnahme verweigert werden wolle. „Sie sind ein Deutscher!“, rief er aus, „das ist ein anderes!“, und sogleich ließ er den Postillion in das Hoftor hereinfahren. Als er mir ein schickliches Zimmer angewiesen, versetzte er: Er sei fest entschlossen, keinen Emigrierten mehr aufzunehmen. Ihr Betragen sei höchst anmaßend, die Bezahlung knauserig; denn mitten in ihrem Elend, da sie nicht wĂŒssten, wo sie sich hinwenden sollten, betrĂŒgen sie sich noch immer, als hĂ€tten sie von einem eroberten Land Besitz genommen. So schied ich nun in gutem Frieden und fand auf dem Weg nach Eisenach weniger Zudrang der so hĂ€ufig und unversehens heran getriebenen GĂ€ste.”

In der Goethebiographie von J. W. Schaefer von 1851 liest sich die Reise so:

“Da Goethe vergeblich von Woche zu Woche auf seine Reisechaise wartete, die ihm von Koblenz aus hatte nachgeschickt werden sollen, so fuhr er endlich um den Anfang des Dezembers in Jacobis Reisewagen ab, um bei der FĂŒrstin Gallitzin zu MĂŒnster, mit der er einst in Weimar schöne Stunden verlebt hatte, zu einem kurzen Besuch einzukehren. Unterwegs erneuerte er mit dem Professor Plessing zu Duisburg das Andenken an das abenteuerliche Zusammentreffen frĂŒherer Jahre und fand in der Unterhaltung mit dem Naturhistoriker Merrem „einige gute Ideen ĂŒber die Wissenschaft, die ihm so sehr am Herzen lag.“ In MĂŒnster fand er im Haus der FĂŒrstin alles zur freundlichsten Aufnahme vorbereitet. In der NĂ€he dieser schönen Seele, in der sich Frömmigkeit und zarter Sinn fĂŒr alles Edle in Kunst und Wissenschaft begegneten, war sich unser Dichter selbst „milder als seit langer Zeit.“ Er erkannte es als ein großes GlĂŒck, „nach dem schrecklichen Kriegs- und Fluchtwesen endlich wieder fromme, menschliche Sitte auf sich einwirken zu fĂŒhlen.“ Es war dies eine Sehnsucht seines edleren Selbst, die ihn zu den Freundeskreisen im Norden hingezogen hatte und ihn in Pempelfort wochenlang fesselte. Die Misstöne, die er in seinem Innern barg, waren schon nach und nach verscheucht, und wenn man sich auch die Verschiedenheit des Standpunktes offen gestand, so trafen doch die tiefer eingehenden GesprĂ€che, die sich zunĂ€chst an Hamann und Hemsterhuys, die abgeschiedenen Freunde der FĂŒrstin, anknĂŒpften, in der Anerkennung des Edelsten und Höchsten im menschlichen Dasein zusammen. Schilderungen Italiens gaben auch diesen Unterhaltungen einen hohen Reiz, besonders wurden die katholischen Geistlichen, die vornehmlich den Gesellschaftskreis der FĂŒrstin bildeten, durch die anschauliche Schilderung der katholischen Kirchenfeste angezogen. An einem Protestanten fiel diese tolerante ObjektivitĂ€t so sehr auf, dass man sich heimlich erkundigte, ob denn Goethe katholisch geworden sei; schon wĂ€hrend seines Aufenthalts in Italien tauchte dies GerĂŒcht hin und wieder auf.
Im Verkehr mit dem trefflichen von FĂŒrstenberg, der mathematischen und naturhistorischen Studien nicht fremd war, kamen auch Goethes naturgeschichtliche Forschungen zur Sprache. Zu Erörterungen antiker Kunst gelangte man wiederholt durch die Betrachtung der vorzĂŒglichen Sammlung geschnittener Steine, welche im Besitz der FĂŒrstin war, ein Nachlass von Hemsterhuys. Goethe fĂŒhlte sich durch das Studium lebhaft angesprochen, so dass die FĂŒrstin ihm beim Scheiden die ganze Sammlung mitgab, damit er in Weimar zu sorgfĂ€ltigeren Studien Muße habe. Es war ihr abgeraten worden, Goethe dies kostbare Besitztum anzuvertrauen, worauf sie jedoch erwidert hatte: „Glaubt Ihr denn nicht, dass der Begriff, den ich von ihm habe, mir lieber sei, als diese Steine? Sollt’ ich die Meinung von ihm verlieren, so mag dieser Schatz auch hinterdrein gehen.“ Nach dem Abschied von MĂŒnster begleitete ihn noch die FĂŒrstin bis auf die erste Station, indem sie sich zu ihm in den Wagen setzte. Noch einmal tauschten sie ihre Religionsansichten gegenseitig aus, und sie trennte sich von ihm mit dem Wunsch, ihn, wo nicht hier, doch dort wieder zu sehen.
Indes hatte sich das FluchtgetĂŒmmel vom Rhein her nach Westfalen hereingewĂ€lzt. Goethe geriet mitten in den Schwarm der Emigrierten, nicht wenig erfreut, dass er durch die FĂŒrsorge der FĂŒrstin durch Laufzettel auf den Poststationen angemeldet und empfohlen war, so dass er, wenn gleich bei dem schlechtesten Wetter oft auf ungebahnten Wegen hin und her geschĂŒttelt, doch rasch ĂŒber Paderborn nach Kassel weiter befördert ward. In Kassel war man der Anmaßung der Emigrierten schon so ĂŒberdrĂŒssig geworden, dass er den in französischer Sprache ihn höflichst abweisenden Kellner deutsch anreden musste, um nur im Gasthof Aufnahme zu finden. Über Eisenach gelangte er dann um die Mitte Dezember nach Weimar zurĂŒck. “

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