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Die Geschichte des Sanatoriums

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Aus der medizinischen Arbeit 1931-1981

von Dr. Klaus Jensen (aus der Festschrift: 50 Jahre Hamborn)

In der ‚ÄěNatura, Zeitschrift zur Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlicher Menschenkunde‚Äú (Heft 11/12 vom Dezember 1932) stand folgende Mitteilung zu lesen: ‚ÄěSchlo√ü Hamborn bei Paderborn wurde k√ľrzlich in Anwesenheit einer gro√üen G√§steschar als Heim f√ľr Erholungssuchende und als Heil- und Erziehungsinstitut f√ľr seelenpflegebed√ľrftige Kinder festlich er√∂ffnet. Die Kinder und die Mitarbeiterschaft, die aus dem bisherigen ‚ÄěHaus Bernhard‚Äú in Jena-Zw√§tzen dorthin gezogen sind, haben damit ein sch√∂nes neues Heim gefunden.‚Äú
Herausgegeben wurde diese Zeitschrift von Dr. med. Ita Wegman, die von Rudolf Steiner 1924 zur Leiterin der Medizinischen Sektion an der Freien Hochschule f√ľr Geisteswissenschaft am Goetheanum in Dornach berufen worden war. In dieser Eigenschaft unterstand ihr sowohl die anthroposophische Medizinbewegung im allgemeinen wie auch die Heilp√§dagogik im besonderen. Es war ein gl√ľcklicher Umstand, da√ü in Hamborn beide Arbeitsbereiche nebeneinander entstehen konnten, wo das Schlo√ü mit repr√§sentativen R√§umen und einer Reihe von kleineren Zimmern f√ľr ein Erholungsheim geeignet war, w√§hrend die Kinder im ‚ÄěKavalierhaus‚Äú wohnten. Wie eng sich die vielbesch√§ftigte Klinik- und Sektionsleiterin mit der hoffnungsvollen Neugr√ľndung im fernen Ostwestfalen verbunden f√ľhlte, geht daraus hervor, da√ü sie zwei wichtige Mitarbeiter von Arlesheim nach Hamborn schickte: Schwester Eva Gr√§fin Vitzthum als Pflegeleiterin ins Erholungsheim und Herrn Erich Kirchner als Gesch√§ftsf√ľhrer.
Dieses erste Haus seiner Art in Deutschland erfreute sich bald zunehmender Beliebtheit, und die alten Mitarbeiter von damals erinnern sich noch, daß zu den Festeszeiten, um die Feiern in Hamborn mitzuerleben, mehr Gäste kamen, als man eigentlich unterbringen konnte. Dann war auch das letzte Notquartier belegt. Die ärztliche Versorgung sowohl der Erholungsgäste wie der Kinder nahmen eine Reihe von Persönlichkeiten wahr, derer wir hier gedenken wollen: Dr. Ungar, Dr. Stickdorn, Dr. Waltraud Hoffmann. Dr. Helga Biedermann und Dr. Rose Erlacher, die mit dem Verbot der Hamborner Arbeit durch die NSDAP ihre Tätigkeit beenden mußte.
Aber der medizinische Gedanke hat die Verbotszeit √ľberlebt. Nachdem Heim und Schule nach 1945 neubegonnen und sich konsolidiert hatten, wurden Pl√§ne f√ľr den Bau eines Kurheims entwickelt, denn das Schlo√ü stand wegen der wachsenden p√§dagogischen Arbeit nicht mehr zur Verf√ľgung. ‚ÄĒ Eine sch√∂ne Waldwiese auf der dem Schlo√ü gegen√ľberliegenden Seite des Ellerbachtales soll, wie es hei√üt, schon von Dr. Wegman als passender Platz daf√ľr bezeichnet worden sein. Daran zeigt sich wieder ihre F√§higkeit, mit weitreichenden Zielen umzugehen, konkret im verf√ľgbaren ‚ÄĒ vielleicht zun√§chst kleinen ‚ÄĒ Rahmen anzufangen. im Vertrauen darauf, da√ü eine Sache w√§chst, wenn sie zeitgem√§√ü und fruchtbar ist. Sie hatte sich Rudolf Steiners w√§hrend des Landwirtschaftlichen Kurses in Koberwitz ge√§u√üerten Worte zu Herzen genommen: Man solle daran denken, im Hinblick auf k√ľnftige katastrophale Ereignisse ‚ÄěKultur-Inseln‚Äú aufzubauen, in kl√∂sterlicher Abgeschiedenheit auf dem Lande, in denen dann noch kulturelles deutsches Geistesleben gepflegt werden k√∂nne. In Schlo√ü Hamborn sah sie wohl einen Platz, der auch in diesem Sinne eine Bedeutung habe, und solche Gedanken sind hier immer lebendig geblieben. Was speziell den medizinischen Impuls anlangt, so f√ľhlte sich das langj√§hrige Mitglied des Vorstandes Lotte Giffenig diesem besonders verpflichtet. In ihrem Beruf als G√§rtnerin hatte sie f√ľr das Pflegerische einen Sinn. und sie war auch die erste, die den Plan eines Alterswerkes in Hamborn in sich bewegte, das dann erst nach ihrem Tode entstand. Aber dem Kurheim konnte sie 1959/60 durch ihre Mitarbeit zum Leben verhelfen, nachdem durch eine namhafte Geldspende von Herta Schalk die Startm√∂glichkeit gegeben war und Kurt Wispler, als r√ľstiger Ruhest√§ndler, die Aufgaben eines Baubetreuers √ľbernahm. (Architekt: Raphael Steiner, Kassel.) Die geringe Zahl von 20-24 Betten erm√∂glichte die Pflege einer intimen h√§uslichen Atmosph√§re. war aber wirtschaftlich nur tragbar durch gro√üe Opfer aller Mitarbeiter. Jedoch wird keiner der Beteiligten der ersten Stunde unser liebes kleines Kurheim vergessen, das sich dann 10 Jahre sp√§ter zum ‚ÄěSanatorium‚Äú mauserte.
Durch Vertreter der anthroposophischen ‚Äě√Ąrztegruppe Ruhrgebiet‚Äú, welche der neuen Arbeit in Hamborn helfend zur Seite standen, war dem Verfasser die medizinische Leitung angetragen worden, und er hatte sie freudig angenommen. Wurde doch damit die M√∂glichkeit geboten, anders als in einer √§rztlichen Praxis, gewissen Patienten eine Kurbehandlung auf der Grundlage der anthroposophischen Medizin zukommen zu lassen, wenn sie einer solchen bedurften. Und bed√ľrftig sind, wie die √§rztliche Erfahrung zeigt, besonders die Menschen, welche durch ihre Konstitution und Empfindsamkeit √ľberdurchschnittlich an den Problemen des modernen Lebens leiden, ohne √ľber die n√∂tige geistig-physische Stabilit√§t zu verf√ľgen. ‚ÄěPsychosomatisch‚Äú gest√∂rt. wie man das heute nennt, ist ein zunehmend gro√üer Prozentsatz der Leidenden, welche die Sprechstunden der √Ąrzte aufsuchen. Genauer w√§re es. von Verschiebungen im Gef√ľge von Leib, Seele und Geist zu sprechen. deren harmonisches Zusammenwirken dasjenige bildet, was man als Gesundheit bezeichnen darf. Und nur eine Heilmethode, welche diese Dreigliederung konkret in Diagnose und Therapie handhabt, verdient die heute ja oft geh√∂rte Bezeichnung ‚ÄěGanzheitsmedizin‚Äú. In diesem Sinne mu√ü ein Sanatorium von unten bis oben von einem Geist erf√ľllt sein, der auf alle Wesensglieder der Patienten heilsam einwirkt. Ein Kranker oder Ersch√∂pfter ‚ÄĒ f√ľr vier Wochen liebevoll versorgt in einem Haus mit wohltuenden Formen und Farben, ohne Radio und Fernsehen, mit menschengem√§√üen Heilmitteln behandelt, durch k√ľnstlerische T√§tigkeiten belebt und bereichert ‚ÄĒ empf√§ngt damit aufbauende Kr√§fte, mit denen er lernen kann, die Anforderungen seines Alltages besser zu bew√§ltigen.
Und nicht nur das Haus atmet diesen Geist, auch die Hamborner Landschaft bietet dem Gro√üst√§dter und Naturfreund lebendige Anregungen. Nicht imponierend gewaltig ist unser Umfeld, aber liebenswert in seiner Intimit√§t von Waldeinsamkeit und stillem Tal, die wechselt mit freier Sicht in die Weite, wenn man die H√∂he der Paderborner Hochfl√§che erreicht und nun den gro√üen Himmel von Horizont zu Horizont √ľber sich hat. Auch die Herrlichkeit des n√§chtlichen Firmamentes wieder entdeckt zu haben, hat mancher Besucher dankbar bemerkt und als Geschenk mit in die Stadt genommen, wo durch die Beleuchtungsf√ľlle eine solche Himmelsansicht oft kaum noch m√∂glich ist.
√úber diese Faktoren des beh√ľteten Innenraumes und der lebendigen Naturwelt hinaus ist in Hamborn die M√∂glichkeit gegeben. an dem Kulturleben im Umkreis der Schule, des Landschulheims, des Altenwerkes, am anthroposophischen Geistesleben und am Kultus der Christengemeinschaft teilzunehmen. So erkl√§rt sich, da√ü nicht wenige Menschen viele Male immer wieder kommen, um in den ‚ÄěGesundbrunnen‚Äú einzutauchen, dessen lebendiges Wasser aus vielf√§ltigen Quellen gespeist wird.
Eine Anerkennung unserer Arbeit ist auch in der √Ėffentlichkeit erfolgt, indem die Bundesversicherungsanstalt f√ľr Angestellte (BfA) in Berlin, die selbst √ľber gro√üe H√§user verf√ľgt, sich 1968 bereit erkl√§rte. Patienten aus ‚Äěanthroposophisch-orientierten Arztpraxen‚Äú auf Antrag zu Kuren hierher zu schicken. Das geschah allerdings erst nach einem umfangreichen Erweiterungsbau 1969, der ausreichende R√§ume f√ľr die k√ľnstlerische Therapie schaffte und die Bettenzahl auf 30 erh√∂hte. Nun wurde auch der Name des Kurheims in ‚ÄěSanatorium‚Äú ge√§ndert aus Gr√ľnden der richtigen Einstufung in das Tagessatzsystem der Versicherungstr√§ger. ‚ÄĒ Die Vereinbarung mit der BfA verdient deshalb festgehalten zu werden, weil sie ein Beispiel f√ľr die geistige Freiheit im allgemeinen Medizinwesen darstellt. Sachbearbeiter aus Berlin, die das Sanatorium besichtigten, konnten sich ein Bild von der hier ge√ľbten ‚ÄěAu√üenseiter-Medizin‚Äú machen und erkennen, da√ü sie von den Patienten und den einweisenden √Ąrzten gew√ľnscht wird. Diesen Tatbestand zu akzeptieren war und ist bis heute ein Beitrag zum sozialen Frieden, den wir dankbar anerkennen. Wenn solche Toleranz auch von selten der sogenannten Schulmedizin ge√ľbt w√ľrde, w√§re unsere Sorge um Verbot oder Anerkennung der ‚ÄěNaturheilmittel‚Äú behoben. Aber da in gewissen Kreisen statt Toleranz das wissenschaftliche Dogma herrscht, besteht die Gef√§hrdung weiter. Deshalb sollten alle Freunde der ‚Äěbiologischen Medizin‚Äú sich aktiv hinter diejenigen stellen, die in der √Ėffentlichkeit f√ľr die Erhaltung der Therapiefreiheit k√§mpfen: am besten durch Eintritt in einen der bestehenden Vereine.
Es sieht nicht so aus, als w√ľrde in der n√§heren Zukunft die Menschheit einen Zuwachs an Gesundheit gewinnen. Zwar hat man die akuten fieberhaften Krankheiten fast ausgerottet, daf√ľr nehmen die chronischen √ľberhand: Herzinfarkt, als Endergebnis langj√§hriger Blutgef√§√üverfettung, Krebse und degenerative Leiden aller Art. Da√ü da kausale Zusammenh√§nge bestehen k√∂nnten, wird nicht gesehen. Man sucht emsig weiter nach ‚ÄěRisikofaktoren‚Äú und findet deren immer mehr. Nun soll organisierte Vorbeugung zum Heile f√ľhren. Aber solange man diese nur in einer Verbesserung der √§u√üeren Verh√§ltnisse: des allgemeinen Lebensraums, des Arbeitsplatzes, der Ern√§hrung und der zwischenmenschlichen Beziehungen sieht, wird keine Wende eintreten. Dazu bed√ľrfte es einer radikalen Sinnes√§nderung; sie k√∂nnte eintreten, wenn die Wissenschaft vom Geiste neben der materialistischen Naturwissenschaft in viel mehr K√∂pfe und Herzen einz√∂ge. Dadurch w√ľrden nicht nur die Herzen ges√ľnder, die jetzt Angina pectoris bekommen, sondern mit den w√§rmeren Herzenskr√§ften lie√üen sich auch die Ausw√ľchse der seelenlos gewordenen Zivilisation vergeistigen und zum Guten wenden. Eine gewaltige Aufgabe! Eine Aufgabe, die vor denjenigen steht, die historisches Gewissen entwickeln, d. h., sich f√ľr die Menschheitszukunft mitverantwortlich f√ľhlen wollen. Und aus dem Gef√ľhl der Verantwortung entspringt Enthusiasmus und Opferbereitschaft. ohne welche die sozialen Gemeinschaften, auf die es ankommt, nicht leben k√∂nnen.

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